Freitag, 13. November 2015

Nachwuchspreisträgerin postpoetry.NRW 2015

Sarah Marie Meinert wurde 1995 in Lemgo geboren, lebt heute in Oerlinghausen und studiert in Bielefeld Anglistik, math./sprachl. Grundbildung (Grundschullehramt).  Sie 
war 2014 Preisträgerin beim Berliner Treffen junger Autoren.



Laudatio der jungen Jury

Sarah Marie Meinerts Gedicht gelingt es mit erstaunlich wenigen Worten eine dichte Gefühlswelt aufzubauen, die zwischen träumerischer Erregung und bedingungslosem Vertrauen rangiert. Der besondere Reiz des Gedichts entsteht durch die Ausklammerung aller Empfindungen und ihre Verlagerung in die Vergangenheit. Das Unsagbare wird erinnert und zugleich allerdings auch vorenthalten. Auf diese Weise bringt "Fast ein Liebesbrief" die Hürde Empfindungen  auszudrücken auf den Punkt, ohne dabei sentimental zu erscheinen. Was führt dazu sich blind auf einen anderen Menschen zu verlassen? Wie viel von uns sind wir bereit zu offenbaren? Das Gedicht gibt keine Antwort hierauf. Doch es vermittelt einen Eindruck dessen, was wir durch Zuneigung bereit sind zu geben. 

Preisträgerin postpoetry.NRW 2015

Karin Posth wurde 1945 in Marienbad/Tschechien geboren und lebt heute nach vielen räumlichen Veränderungen in Köln. Ab 2010 begann sie intensiv zu malen und Lyrik zu verfassen. 2013 erschien ihr erster Gedichtband "DER HIMMEL IST KEIN GESCHENK“. In den vergangenen Jahren wurde sie für ihre lyrischen Texte mehrfach ausgezeichnet. So war sie zweimal in der engeren Auswahl zum Feldkircher Lyrikpreis (AT). Ihr wurden Preise u. a. beim Haiku-Wettbewerb der österreichischen Haiku Gesellschaft und beim Mindener Literaturwettbewerb zugesprochen. 

Laudatio der Jury
Auf eine ganz besondere Reise schickt uns Karin Posth mit ihrem Gedicht „auf der reise zu sich“. Ihr Geliebter ist unterwegs mit seiner Frau. Nach nur 4000km denkt er an seine Liebe und wirft an sie eine Ansichtskarte in ny älesund in den nördlichsten Briefkasten der Welt. Es ist keine schöne Ansicht, die er der Daheimgebliebenen zuschickt. Eine Zahnreihe schwarzer Stümpfe kommt zwischen den Lippen von Wasser und Himmel zum Vorschein.
Und er schreibt der Geliebten die vier Worte „ich liebe dich sehr“ auf die Rückseite der Karte. An diesem Punkt verändert sich das Gedicht, die Bilder werden weicher. „Die natur ist eine raue haut, doch sie wärmt den boden der seele“ und „die wolken (…) legen ihre samtigen pfoten aufs meer“. In dieser Stille ist der Geliebte unterwegs zu sich, mit ihm sind es 17 Nationen, „im schlepptau nichts weiter als kälte du wind“. Man ahnt, er ist angekommen.
Die lakonische Art, mit der diese Liebe beschrieben wird, der Kontrast von nordskandinavischer Kargheit und Kälte zu den starken Emotionen, die thematisiert werden, machen den Reiz dieses Gedichtes aus.

Mit leichtem Frösteln lassen wir uns gern auf diese poetische Reise mitnehmen.

Preisträger postpoetry.NRW 2015

Adrian Kasnitz wurde 1974 in Queetz (Polen) geboren und wuchs in Lüdenscheid auf. Er lebt heute als Schriftsteller, Herausgeber und Verleger in Köln. Der Autor ist besonders durch seine zahlreichen Lyrikveröffentlichungen bekannt. Zuletzt erschienen "Sag Bonjour aus Prinzip" und "Kalendarium #1". Er verfasst aber auch Prosa (u. a. den Roman "Wodka und Oliven"). Seine literarische Arbeit wurde mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet. So erhielt er u. a. den Förderpreis der Gesellschaft für Westfälische Kulturarbeit (GWK) und das Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln.


Laudatio der Jury 
Für das Subjekt dieses Gedichts, das staunende Kind, das die Außenwelt hinter der Glasscheibe beobachtet, ist die Welt in unablässiger Verwandlung. Adrian Kasnitz zeigt uns ein Kind, an dem die Welt in vielerlei Gestalten vorbeizieht, unheimlich nah. Die magische Erfahrung wird zum poetischen Fundament, die Metamorphosen der Dinge und Gestalten werden von seinen „wässrigen Augen“ mit generiert. Mit den Augen, heißt es, fährt das Kind Schiff, und auch die von ihm beobachtete stoffliche Welt wird fluid. Die Phantasie des Kindes erlaubt es, in Kostüme zu schlüpfen. Und am Ende dieses poetischen Verwandlungsspiels wird die Bewegung ins Offene zurückgenommen, die Welt „schrumpft zusammen“.
Das Gedicht von Adrian Kasnitz nimmt in seiner fließenden Bewegung selbst Teil an der Metamorphose. Es schaut in die Außenwelt – und wird zugleich der Vergänglichkeit gewahr, die in Gestalt zweier unterschiedlicher Skelette bedrohlich präsent ist und alle Sicherheiten aus den Angeln hebt. Ein Gedicht, das uns in die Kindheit führt wie auch ans Ende der Zukunft, wo wir zu Staub werden und die Knochen zart im Staub liegen.





Preiträger postpoetry.NRW 2015

Thomas Kade wurde 1955 in Halle (DDR) geboren. Er zog 1961 mit seiner Familie ins Ruhrgebiet, wo er seit 1980 in Dortmund lebt und arbeitet. Er veröffentlicht insbesondere Lyrik. Zuletzt erschien in der Reihe "roterfadenlyrik" (EditionHausNottbeck) „Körper Flüchtigkeiten“. Ausgezeichnet wurde seine literarische Arbeit u. a. durch Stipendien der Kunststiftung und des Landes NRW. 


Laudatio der Jury
Die übermäßige, schwärmerische Verehrung, das „Anhimmeln“ eines Idols, eines Vorbilds, einer Geliebten oder eines Geliebten – das geht in Gedichten meistens schief, führt zu lyrischem Überschwang ohne Substanz. Im Gedicht von Thomas Kade entwickelt das Wort „anhimmeln“ eine neue semantische Strahlung, eine große Verstörungskraft. Denn sein Text führt in den engsten Raum, in eine Zelle, an einen Ort, wo die Luft knapp wird und der Atem stockt und die Wörter und das Sprechen kaum Platz haben zur Entfaltung. „Angehimmelt“ wird „die Stelle“, „angehimmelt“ wird auch „die Stille“, ein „heller Fleck“. Ein Ort der Enge, von dem aber zugleich Helligkeit ausgeht, ein Ort, der eine Aura hat, ein Ort, an dem jemand anwesend war, den man nicht mit einem Stein, sondern mit einem Stern bewerfen will.

Mit einem lyrischen Verfahren konzentrierter Engführung, mit einer kaleidoskopischen Verknüpfung der Wörter und virtuosem Sprachspiel schickt uns Thomas Kade seine „Zellmitteilung“. 

Preisträger postpoetry.NRW 2015

Guy Helminger,  geb. 1963 in Esch/Alzette (Luxemburg), lebt als freier Autor seit 1985 in Köln. Er  schreibt Lyrik, Romane, Kinderbücher, Hörspiele sowie Theaterstücke. Zuletzt erschienen:  "Libellenterz" (Gedichte), "Ein Sprachanatom bei der Arbeit" (Dokumentation seiner Poetikvorlesungen an der Universität Essen/Duisburg) und "Venezuela" (drei Stücke). 

Für seine Arbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem 3SAT-Preis (Klagenfurter Literaturtage).



Laudatio der Jury
„Ich war nie in Tokio“ von Guy Helminger entfaltet einen Spannungsraum zwischen Ferne und Nähe, zwischen Fremdheit und Anverwandlung: Ein – westliches – lyrisches Ich, das sich mit Zurückhaltung („Meine Haare haben die Farbe von/eingelegtem Ingwer die Haut bleich/wie Reispapier“) und einer Spur Selbstironie („Mishima im Bambusregal und das/als Haiku angelegte Blumenbeet/in Reichweite“) als wenig markant beschreibt, gewinnt in der Gegenüberstellung mit Japan Kontur und dramatische Potenz. Mit ausgewählten, genau platzierten Signalen evoziert Helminger einen Kosmos japanischer Kultur („Reispapier“, „Mishima“, „Haiku“, „Samuraischwert“), doch bleibt er bei aller Einschlägigkeit der Begriffe elegant und pointiert. Gänzlich frei von Exotismus, hebt er im Verweis auf die Strenge der Ziergärten, auf Scherenschnitt, Schwertkampf und die Provokation eines Mishima Schärfe und Rigidität hervor. Dabei gelingt ihm, Reduktion und Härte dieses Kosmos´ in Form und Rhythmus des eigenen Textes zu spiegeln. Dass Helminger mit seinem Titel der Spagat zwischen Formstrenge und Udo Jürgens gelingt, befreit den Text auf unkonventionelle und bewunderungswürdig leichte Weise. „Ich war nie in Tokio“ birgt feinen Humor ebenso wie ungelöste Rätsel und  hat die Jury auf Anhieb überzeugt. 

Preisträger postpoetry.NRW 2015

Willi Achten stammt gebürtig aus Mönchengladbach und lebt heute in Aachen. Er ist Lyriker und Romanautor. Zuletzt erschien von ihm "Die florentinische Krankheit" (Roman). Für seine Arbeiten erhielt er viele Unterstützungen und Auszeichnungen, zuletzt den Nettetaler Literaturpreis.  

Laudatio der Jury
Willi Achten entwirft in seinem Gedicht „Dahinter das Meer“ kühne surreale Bilder, die den Leser in seinen Bann ziehen. Das Gedicht kommt fast ohne Interpunktion aus. Die Enjambements und die klanglichen Elemente geben dem Text eine zusätzliche Spannung. Der Leser muss sich die Sinneinheiten selbständig erschließen.
Da ist die Mutter, die spricht. Sie sagt „niemand war im Himmel/ wenn die Uhr tickt kehrt keiner/ zurück“. Dabei schneidet sie die Töne aus den Wänden und wohnt hinter einem Vorhang, wo sie ihre Knochen an einer Feile reibt. Das Knochenmehl fällt in ein weißes Tuch, während sie ihren einzigen Schuh bindet.
Die Mutter ruft ihren Sohn zurück zu sich nach Hause. Und während sie ihn ruft, eröffnet sie ihm, dass sie Sand in die Dünen gekehrt hat.

Es wird viel versteckt in diesem Gedicht, hinter Wänden und Vorhängen. Man ahnt die Abgründe. Doch mit dem Knochenmehl, dem weißen Tuch und dem Sand in den Dünen wird etwas sichtbar. Dahinter wartet das Meer für einen Blick ins Offene.

Lyrikerinnen und Lyriker 2015 - die Postkarten

(Grafik: Galya Popova, Layout: Walburga Fichtner)