Freitag, 6. März 2020

Und plötzlich machen Gedichte wieder Freude


Preisträger des Landeswettbewerbs postpoetry.NRW zu Gast in der Stadtteilbibliothek Dortmund-Huckarde


Monika Littau und Thomas Kade (c) H.-D. Koch
Kinder lieben Gedichte und Abzählreime. Jugendliche lieben die „Lyrics“ ihrer Songs. Aber Schülerinnen und Schüler entwickeln irgendwann Angst vor Gedichten. Vermutlich beginnt dieser Prozess dann, wenn es darum geht, die Frage zu beantworten: „Was will der Autor oder die Autorin mit diesem Text sagen? Was ist die Botschaft?“ Wie muss der Text richtig interpretiert werden? 

Wenn Schülerinnen und Schüler jedoch Lyrikerinnen und Lyriker befragen können, was sie mit ihrem Text gemeint haben, macht das interpretieren wieder Freude. Und genau das geschah am Donnerstag, den 5. März, in der Stadtteilbibliothek Huckarde.

Ein Deutschkurs (Jgst. 11) von Frau Ulbryck (Gustav-Heinemann-Gesamtschule), der sich gerade mit dem Thema Lyrik beschäftigt, war zur postpoetry.NRW-Lesung in die Bibliothek gekommen. Er hatte bereits zuvor eine Stunde lang kontrovers über zwei Gedichte diskutiert, die ihm als Lyrik-Postkarten übergeben worden waren. Es handelte sich um die Preistexte der Nachwuchsautorin Michelle Giering (Jg. 2000) und des Dortmunder Lyrikers Thomas Kade. Der Landeswettbewerb postpoetry prämiert nämlich sowohl Texte ganz junger AutorInnen als auch gestandener LyrikerInnen und schickt die Verfasser im Tandem auf Lesereise durch NRW.  

Obwohl die Nachwuchsautorin leider erkrankt war, konnte die von Monika Littau moderierte Debatte über Gierings Text „Erdnussbuttertage“ u. a. mit Hilfe der Erläuterungen der Jury fortgeführt werden. Thomas Kade aber wurde direkt zu seinem Gedicht „zum Himmel“ befragt. „Kann es sein, dass die Waage, in der sich der Himmel auf einem Müllcontainer für Altkleider spiegelt, defekt ist“? „Geht es um das Verhältnis von Himmel und Erde“? „Geht es darum, was Bedeutung und Gewicht hat im Leben“? Thomas Kade staunte gelegentlich über die Anmerkungen und Überlegungen der jungen Leserinnen und Leser. Er bestätigte manche Hypothesen, gab aber auch zu, dass er beim Schreiben an einzelne Aspekte, die genannt wurden, nicht gedacht habe. „Manchmal ist der Text, der entsteht, schlauer als sein Verfasser“, lächelte er. 

Interessant war der Blick in die Textwerkstatt des Dortmunder Autors, der nicht nur seine Beobachtungen in Notizheften sammelt, sondern auch fremde Zettel, die er beispielsweise in einem Einkaufswagen findet. Sie können ebenso wie Nachrichten, eine Fernsehsendung oder ein Geräusch Ausgangspunkt eines Gedichts werden.

Donnerstag, 6. Februar 2020

Wie eine Autorin ihr eigenes Gedicht interpretiert: postpoetry-Lesung in Bielefeld



Gerrit Wustmann (Moderator) und Marion Gay, Lyrikerin NRW
sowie die Schülerinnen und Schüler der GS Rosenhöhe, Bielefeld
Am Freitagmorgen, den 31.1.2020, machte postpoetry.NRW Halt in der Stadtbibliothek Bielefeld. Vor einer 11. Jahrgangsstufe mit 85 Schülerinnen und Schülern sprachen Moderator Gerrit Wustmann und Preisträgerin Marion Gay über Lyrik, Literatur und das Schreiben und trugen Gedichte vor – auch jene von Nachwuchspreisträgerin Lisa Polster, die aus gesundheitlichen Gründen leider nicht anwesend sein konnte. Die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Rosenhöhe, begleitet von ihrer Lehrerin Frau Löwenstein, beteiligten sich rege am offenen Austausch und stellten zahlreiche Fragen. So wollten sie beispielsweise wissen, wie lange es dauert, einen Roman zu schreiben und wie man mit Kritik seitens der Presse umgeht. 
Preisträgerin Marion Gay aus Hamm wechselte die Rollen und überlegte, wie sie ihr eigenes Gedicht interpretieren würde, würde man es ihr im Deutschunterricht vorlegen.
Ein spannendes Unternehmen. 
Fotos oben: Marion Gay stellte nicht nur ihre Texte, sondern auch ihre Skizzenbücher vor. 


  









Dienstag, 28. Januar 2020

Zum Beispiel "Großmütter" im Gedicht...Zur Lesung von Karoline Marliani und Ingeborg Brenne-Markner in der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule Bonn am 23. Januar 2020

Es war ein Zufall, dass die zwei Postpoetry-Jurys 2019 zwei Gedichte auswählten, die Großmütter in den Mittelpunkt des Erinnerns stellen. Und es war in gewisser Weise ein weiterer Zufall, dass die beiden Verfasserinnen dieser Texte gemeinsam an einer Lesung mitwirkten. Ingeborg Brenne-Markners Gedicht heißt „in großmutters sommer“, der Text von Nachwuchsautorin Karoline Marliani „Kinderreue“. 
 Obwohl beide Texte also ein ähnliches Sujet haben, nähern sie sich ganz unterschiedlich ihrer Hauptperson. Das stellten auch die Oberstufenschülerinnen und -schüler der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule in Bonn Bad Godesberg fest, wo nun die von Simone Scharbert moderierte Lesung der Preisträgerinnen stattfand. Rege beteiligten sie sich mit ihren vielen Fragen am Geschehen dieses Morgens. „Warum wechseln die Zeiten in Ihrem Gedicht?“, wollte eine Schülerin wissen. 
Das eine, erklärte Lyrikerin Brenne-Markner, sei das vergangene Geschehen, das andere die Erinnerung und ihre Auswirkungen bis in die Gegenwart. Auch nach dem Tod der Großmutter und dem Ende der Kinderzeit blieben nicht nur die Trauer, sondern auch das Schöne im Gedächtnis, beispielsweise der Himbeersirupduft, beispielsweise die Leichtigkeit der Federkugeln des Löwenzahns. Genau diese Qualität hatte auch die Jury bei ihrer Textauswahl hervorgehoben: „…der Textraum des Gedichts (vermag) auf beglückende Weise beides zu bergen: das Glück und den Verlust.“ 
Ganz anders war der Zugriff auf das Großmutterthema von Karoline Marliani. Sie griff in ihrem kurzen Gedicht eine kleine Szene auf, in der die Großmutter versehendlich das Enkelkind an einer mit Schnodder verschmierten Stelle küsst. „SCHMACK“. Das Kind fühlt sich unwohl, ja schuldig für diese Situation. Für Marliani spielen Reim und Rhythmus ihrer Texte eine herausragende Rolle. Das – so erklärte sie den Schülerinnen und Schüler – komme daher, dass sie von früh auf Musik gemacht habe und Gedichte seien eben auch eine Form von Musik. Außer Lyrik schreibt die junge Autorin, die derzeit in Köln studiert, auch Prosa, u. z. „Dark Fantasy“. Nach fünf Jahren sei ihr erster Roman nun endlich fertig gestellt. Das Schreiben sei für sie immer wichtig gewesen. Sie habe schon Geschichten diktiert, ehe sie überhaupt die Buchstaben erlernt habe.

Durch den lebendigen Morgen führte Autorin und Lyrikerin Simone Scharbert, die u. a. Lyrik an der Universität Köln unterrichtet. Sie wusste die Schülerinnen und Schüler wunderbar ins Geschehen einzubinden. Es war ein Morgen „ohne Gewicht“ (I. Brenne-Markner in einem Gedicht), der zugleich sehr gewichtig war, führte der doch  an Schreibweisen von Gegenwartslyrik und Ansatzpunkte des Verstehens heran.




Freitag, 24. Januar 2020

Von, mit, durch oder für Lyrik leben? Lesung und Gespäch mit Josephine Kullat und Johanna Hansen in der Stadtteilbibliothek Dortmund-Scharnhorst



Am 22. Januar 2020 waren zwei der diesjährigen PreisträgerInnen des Wettbewerbs postpoetry.NRW zu Gast in Dortmund-Scharnhorst und lasen vor circa 90 Schülerinnen und Schülern der Albert-Einstein-Realschule.   

Josephine Kullat, die abwechselnd in Essen und Ostfriesland aufwuchs und heute in Düsseldorf Psychologie studiert, las nicht nur ihr Preisgedicht „Vater“, sondern weitere Texte, in denen der bittere „Nachgeschmack der Kindheit“ und das Leben „Unterm Schutt(z) der Sozialisation“ eine Rolle spielten. Sicher sprach sie von  Verunsicherungen, las von „Selbstfindung“  und „Selbsterfindung“, von Liebe und Sehnsucht und auch von der Unfähigkeit zu lieben und den Schatten, die bleiben.


Auch Lyrikerin Johanna Hansen aus Düsseldorf wandte sich in ihren Texten der Kindheit und dem Aufwachsen am Niederrhein zu. Sie erinnerte sich an den „roten Schienenbus“, der die Flucht, ja den Abschied aus der Kindheit möglich zu machen schien. Auch das innere Verschwinden spielte im Deklinieren der Fluchtmomente eine Rolle: „sobald ich den blick auf endlos stelle, bin ich die vielen flugversuche darin, der schleudergang. der luftzug. der die kellertür klappen ließ“. Ins Gedächtnis und in die Gedichte fanden die Hochwasser am Niederrhein, die Sonntage, an denen "anna", die Großmutter, „die hände hochgeschlossen über die sorgen wie über frisch gebügelte erde“ trug.  

Thorsten Trelenberg, Moderator des Morgens, versuchte u.a. die unterschiedlichen Entstehungsbedingungen der Gedichte und Arbeitsmethoden der Autorinnen herauszufinden. Einprägsam beschrieb Johanna Hansen, die nicht nur mit Sprache arbeitet, sondern auch als bildende Künstlerin mit Farbe und schließlich in der von ihr herausgegebenen Literaturzeitschrift „Wortschau“ Bild und Sprache zusammenbringt,  dass die verschiedenen Künste für sie alle Teil einer Wohnung seien. Wenn die eine Sprache im Erfassen nicht weitertrage, wechsele sie den Raum und versuche es in der anderen.  

Ob man von der Lyrik leben könne, fragte  der Moderator.

„Nicht von der Lyrik“, lächelte Johanna Hansen, „ sondern für die Lyrik“.

 Erst nach der Lesung in kleiner Runde oder im Zwiegespräch trauten sich die Schülerinnen und Schüler ihre Fragen zu formulieren. „Wie groß sind Sie eigentlich, Frau Kullat?“, wollte ein Mädchen wissen, „Was ist Fleischnikotin?“, fragte sie ein Junge. Und „Wie machen Sie das überhaupt mit dem Schreiben“, wandte sich ein dritter an Johanna Hansen.

Sonntag, 12. Januar 2020

Schriftsteller und Mitbegründer der Gesellschaft für Literatur in NRW e.V. Josef Reding starb am 10. Januar 2020 in Dortmund


Als ich in diesem Jahr einer 95jährigen Dame Weihnachtsgrüße schicken wollte - sie hatte sich Geschenke ausdrücklich verbeten - überlegte ich, was ich ihr schreiben könnte. Sie hatte ein schweres Jahr hinter sich, in dem ihre Tochter, die sich bislang um sie kümmerte, selbst erkrankt war. Es sah so aus, als ob dieses Weihnachtsfest gänzlich anders verlaufen sollte als die vielen Jahre zuvor. Ich wollte ihr gute Worte schenken und überlegte, dass ich sicherlich bei Josef Reding fündig werden würde. So schlug ich seinen Band „Kein Platz in kostbaren Krippen auf“ und wählte keine Kurzgeschichte aus, sondern den Schlussteil: „Statt eines Nachworts: Lebte Jesus nur ein paar Stunden?“