Freitag, 12. April 2019

Zwischen Traum und Sprachspiel - Lesung von Sigune Schnabel und Florian Kranz in Düsseldorf


Circa fünfzig Schülerinnen und Schüler der Hulda-Pankok-Gesamtschule in Düsseldorf waren am Freitagmorgen (29.03.2019) Gast in der Düsseldorfer Zentralbibliothek. „Die sehen ja beide noch so jung aus“, murmelte eine der Schülerinnen zu Beginn. In der Tat war ohne Vorwissen schwer zu unterscheiden, wer von den beiden Preisträgern des Projekts postpoetry.NRW in die Kategorie „Nachwuchs“ oder „Lyriker NRW“ gehörte, denn beide wirkten jung und aufgrund ihres Lebensalters noch recht nah „an den Schülern dran“.

Zunächst präsentierte Florian Kranz seine Anagramm-Gedichte, kunstvolle kleine Werke, die auf den ersten Blick keinesfalls verständlich sind, speisen sie sich doch in vielfachen Variationen aus dem Buchstabenrepertoire eines Satzes oder einer Zeile eines Gedichtes, beispielsweise von Ingeborg Bachmann („Wir teilen ein Brot mit dem Regen“) und Paul Celan („Wir schaufeln ein Gab in den Lüften“). Das Verfahren ist nicht ungefährlich, denn die Beschränkung auf ein bestimmtes Buchstabenrepertoire kann auch dazu führen, dass einfach nur das technisch Machbare umgesetzt wird. Nicht so bei Florian Kranz, der Gedichte mit neuer Form schafft (klare Strophenform, Wiederholungsstrukturen u. a.), und dem Inhalt verbunden bleibt, auch wenn dieser sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Wie viel Mühe die Entwicklung eines Anagrammgedichtes machen kann, davon bekommt der Leser/die Leserin in der Auseinandersetzung mit den Texten durchaus eine Vorstellung.

Ganz anders Sigune Schnabel, die in der Kategorie „Lyrikerin NRW“ einen Preis erhielt. Sie las überwiegend aus ihrem ersten Gedichtband „Apfeltage regnen“ Texte, die ihre Qualität aus dem Changieren zwischen Realität und Traum gewinnen, manchmal auch, wie ein Schüler bemerkte, Komik entwickeln können, beispielsweise in folgender Wendung: „Abends legen wir unseren Träumen/Schwimmflügel an,/doch wenn sie mit nassem Haar/aus dem Wasser steigen,/haben wir keine Handtücher,/sondern nur Fragen,/an denen sich ihre glatten Körper/reiben“. Auch die Gedichtüberschrift „Worte tragen keine Wanderschuhe“ führte um Schmunzeln beim Publikum.
Sigune Schnabel gelingt es in ihren Texten, immer dann, wenn wir glauben, auf dem festen Boden der Tatsachen zu stehen, diesen Boden aufzulösen und uns in den Traum zu ziehen. Die Metaphorik ihrer Texte spielt eine tragende Rolle, besonders Bilder des Fließens oder des Übergangs wie Wasser, Flüsse, das Meer, Eis, Schnee sind feste Bestandteile ihrer Gedichte.
Am Ende der Lesung hatten die beiden Autoren des Morgens dazu beigetragen, einen Schüler der Pankok-Gesamtschule zum Vortrag eigener Texte zu animieren.  
Durchs Programm führte der in Aachen lebende Lyriker Jürgen Nendza, der mit seinem besonderen Zugang zu Lyrik den Schülerinnen und Schülern manchen Schlüssel zum Verständnis anbot. 
Monika Littau

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