Dienstag, 5. April 2016

Die Vielfalt im Gedicht und die Vielfalt der Lesarten

Zur Anthologie „postpoetry.NRW – Poesiebotschaften aus fünf Wettbewerbsjahren“, hrsg. von Monika Littau, Düsseldorf (Edition Virgines) 2015

Von Karin Posth

Im Dezember 2015 erschien im Düsseldorfer Verlag „Edition Virgines“ die 180 Seiten starke Anthologie „postpoetry.NRW - Poesiebotschaften aus fünf Wettbewerbsjahren“. Versammelt sind in diesem Band die Preistexte des nordrhein-westfälischen Wettbewerbs aus den Jahren 2010 bis 2014, ergänzt um einen sogenannten „Zugang“, d. h. einem Auszug aus der Laudatio der jeweiligen Jury. Der Band bietet auch weitere Texte der Autorinnen und Autoren sowie Kurzbiobibliografien und Fotos.

Hat nicht Michael Krüger die Vielfalt im Gedicht gelobt und zugleich empfohlen, täglich Gedichte zu lesen? An dieser vielfältigen Anthologie hätte er vermutlich seine Freude, und die Herausgeberin Monika Littau scheint das tägliche Gedichtelesen offenbar auch Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern ans Herz legen zu wollen, denn sie nennt diese Sammlung „Ein Lesebuch“. 



Das Projekt postpoetry.NRW, getragen von der Gesellschaft für Literatur in NRW e. V. und weiteren Partnern, zeichnet seit 2010 jährlich fünf Gedichte von Lyrikerinnen und Lyrikern aus sowie fünf Gedichte von Nachwuchsautorinnen und -autoren (im Alter von 15 bis 21 Jahren). Der Wettbewerb will die Lyrikszene in NRW und die Zusammenarbeit von erfahrenen Lyrikerinnen und Lyrikern mit Nachwuchsautorinnen und -autoren fördern. Unterstützt wird postpoetry.NRW vom Kulturministerium des Landes (MFKJKS) und der Kunststiftung NRW. Einzureichen sind von den Bewerbern drei anonymisierte, unveröffentlichte Gedichte. Über die Textauswahl entscheiden zwei Jurys. Durch die jährlich wechselnde Zusammensetzung hat sich in diesem Projekt keine Monokultur breitmachen können. Hier wird bewusst Vielfalt gepflegt, veröffentlicht, verbreitet und unterstützt: Die ausgewählten Texte erscheinen als künstlerisch gestaltete Postkarten (Auflage 20.000), die Verfasser der Texte erhalten ein „ordentliches“ Preisgeld. Jungautoren und ältere Erfahrene tauschen sich in einem Workshop aus und lesen anschließend im Tandem in NRW. Bei aller Vielfalt haben jedoch Texte, die nicht postkartentauglich, d. h. zu lang sind, keine Chance im Wettbewerb. Diesen Hinweis würde man sich übrigens in zukünftigen  Ausschreibungen wünschen!

Aber zurück zur Anthologie, die die verschickte und oft weit gereiste Postkartenpoesie aus fünf Jahren nun zwischen zwei Deckeln zu sichern weiß: eine Entdeckungsreise durch die Sprache, durch Bilder, Klang und Rhythmus, durch die Fülle der lyrischen Erscheinungsformen.


Hier sind sie zu finden: das Prosagedicht mit ausgeschriebener Verszeile (beispielsweise Marius Hulpe: „als Herr Bauer schon gestorben war“, S. 31) und Verse, die bewusst mit dem Zeilenumbruch kalkulieren (Walter Wehner: schnappschuss“, S. 61). Hier finden sich reine Kleinschreibung, Groß- und Kleinschreibung, Texte mit und ohne Satzzeichen einvernehmlich beieinander. Nur die Scheu vor dem Reim, sieht man von sporadischen Assonanzen ab, scheint fast allen Verfasserinnen und Verfassern gemeinsam zu sein.

Hier sprechen das lyrische Ich, Du, Er, Sie, Es (in Singular und Plural) und bekommen sogar gelegentlich einen Namen, wie in Manfred Sestendrups „Paul-Gedichten“, S. 55:

            und im mai reißt der himmel auf
            wie eine prall gefüllt einkaufstüte
            und um paul rum
            liegen äpfel plätzchen ein buch eine flasche
            auf seiner ausgebreiteten decke“

Manches Gedicht verzichtet auf den Rollenfächer komplett. Auch hier kann also das Lob auf die Vielfalt gesungen werden.

Und Themen? Ja, es gibt sie: Politik, Liebe, Alltag, Gesellschaftskritik, Natur, Technik, Heimat, Kindheit, Alter, Trauer. Gedichte, nicht so "hoch-getunt" (Christoph Bode), dass die Spielräume des Lesers fast beliebig wären, aber trotzdem so vielschichtig, dass sich ein Wieder- und Wiederlesen lohnt.

Hier zwei Auszüge von Lyrikerinnen und Lyrikern, die mich besonders berührt haben.
Bärbel Klässner „Hundert hertz“:

(...)
freileitungen nur vier meter luft darunter
nichts berühren an der stromführenden
leine klammern die dicken vögel
siebenadriger stahlkern ummantelt von
dreißig mal aluminium und liebe sagt er
ist gut für die kunst wenn es feucht wird
brummen die seile gespannte saiten
downbeats & bässe überland

Und Dominik Dombrowski „Eröffnung“:

            Ich erwache öfters mitten in der Nacht im Fernseher / schwimmen
            meine Goldfische bei den moderneren Geräten / denke ich /
            würde das gar nicht mehr / gehen / ich bin ein Spaziergänger
            geworden in meiner Garage / wohnen jetzt nur mehr
            ein paar Tiere mein Leihhund / und ich sind ein eingespieltes Team
           (...)

Ich könnte noch so viele Texte nennen, mit denen ich Zwiesprache hielt: Thorsten Krämers „Zazen in der Metro“, Marie T. Martins „ Und überall können wir singen“, Marcus Neuerts „Zimmer 213“, Jovan Nikolićs „Gelübde“, Gerrit Wustmanns „zaman/zeit“.

Erstaunlich ist es, dass sich unter den 19 Autoren der Kategorie „Lyriker NRW“ 14 Männer befinden (!) und sich die Verhältnisse bei den Nachwuchsautoren komplett umgekehrt darstellen: Von den insgesamt 27 jungen Autoren sind nur vier junge Männer. Ich versuche mir auf diesen Befund einen Reim zu machen: Im besten Falle dürfen wir also erwarten, dass sich in den kommenden Jahren die Zahl der Lyrikerinnen deutlich erhöhen wird. (Im schlechtesten Fall passiert irgendetwas zwischen dem Engagement in jungen Jahren und den lyrischen Meriten im fortgeschrittenen Alter, das uns unverständlich bleiben muss, zumindest nicht durch die Besetzung der postpoetry-Jurys zu erklären ist. Dort wird nämlich auf Geschlechterparität geachtet …)

So komme ich also zu einigen Beobachtungen bei den jungen Autoren. Viele von ihnen haben inzwischen ihre Texte in Literaturzeitschriften und in Anthologien veröffentlicht und waren Preisträger bei anderen Wettbewerben. Jason Bartsch hat es sogar schon in das Jahrbuch der Lyrik 2015 geschafft.

Die Nachwuchsautorinnen und -autoren sehe ich in ihren Gedichten auf der Suche: Sie setzen sich mit Lebensformen auseinander, denken dabei an das Ende der Kindheit, das Erwachsenwerden, Vorschriften und Regeln, Beziehungen, Leben und Tod, Freiheit, Suche nach Heimat, Einsamkeit, Trennungen, Gewalt, virtuelle Scheinwelten. Sie haben beim Schreiben den Mut, gewohnte Bahnen zu verlassen, verwenden Neologismen, neue Wortkombinationen, unverbrauchte Bilder und zeigen insgesamt ein großes Sprachgefühl und -bewusstsein.  Auch hier zwei Beispiele.

Franka Niebeling in ihrem Text „Und“, in dem sie eine Schreibblockade thematisiert:

(…)
zickzackfarbene fehler
tanzen schadenfroh im augenlidinneren
während des zusammenhängenden krampfhaftersuchs
es nicht zu verlieren
(...)
all das schwarz zurückschubsen
in mundloses niedagewesensein
(…)

und Sarah Gerwens, die sich in „Wiedergänger“ mit dem Bombenanschlag und den Morden am 22.7.2011 in Olso und auf der Insel Utoya befasst:

(…)
der Rest ist Schweigen und Schwere
auf allen Silben der Nachrichtensprecher
sie sprechen von einem Septembermonat
in Albtraummonologen
(…)

Das Buch schließt ab mit Gedichten und Zugängen von Mentorinnen und Mentoren, die im ersten Wettbewerbsjahr die jungen Preisträger begleiteten. Danach wurde das Konzept geändert und Jung und Alt arbeiten paritätisch zusammen.

Komme ich nun zurück zu Michael Krüger und seinem Plädoyer: Jeden Tag ein Gedicht und Vielfalt statt Monokultur: "Die Kultur wird nur dadurch überleben, daß verschiedene Leute sich verständigen, gegen den herrschenden Geschmack. Jenseits des Mainstream wird es bestimmte Pfade geben, da wird an einem Busch nur ein Ast geknickt sein, als Zeichen, und einige wenige werden den Weg finden und nicht weitergehen, zum großen Hotel, wo die Unterhaltungsmusik spielt."[1]

Der Vielfalt wird in dieser Anthologie Rechnung getragen, und das ist das Schöne an ihr. Wer genau liest, mag hier und da an einem Busch einen geknickten Ast entdecken. Und jeder wird etwas anderes finden können, denn Soviele Köpfe, soviele Lesarten, eine richtiger als die andere" (Hans Magnus Enzensberger).

Deshalb empfehle ich Ihnen dieses schön gestaltete Lyriklesebuch, das nicht nur gut in der Hand liegt, sondern Lust macht, sich vielfältigen Gedichten mit unterschiedlichsten Lesarten anzunähern.



[1] „Kein Tag ohne Gedicht“. Der Münchner Verleger Michael Krüger haßt Monokulturen und liebt die Vielfalt, in: Die Welt vom 24.07.1999



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