Montag, 19. Januar 2015

Vorstellung der Preisträger - Fortsetzung


Liesel Willems (Jg. 1950) stammt aus  Krefeld und arbeitet als Autorin und Kunstpädagogin. Sie veröffentlicht Lyrik, Prosa sowie Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschienen von ihr das Kinderbuch „Tina macht den Mund auf. Kinderrechtsgeschichten“ (2009), „Komm, fee mich. Gedichte (2012) sowie der Prosaband „Alles kommt wieder zum Vorschein“ (2014). Für ihre literarische Arbeit wurde sie mit dem Nettetaler Literaturpreis sowie dem 1. Preis beim NRW-Autorentreffen ausgezeichnet. 

Würdigung des Preisträgergedichtes "Ein Foto":
Das Gedicht hebt als Bild-, bzw. Fotobeschreibung an: „Ein Foto auf dem Du ein Kind bist,/ steht auf dem gestimmten Klavier.“  Es ist eine Selbstansprache, das lyrische Ich hält mit sich, dem Du, Zwiesprache, es evoziert durch die Nachzeichnung des Bildes die vergangene Kindheit, begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit, nach einer lebendigen Erinnerung, die hier  durch ein optisches Erlebnis ausgelöst wird. Das Kind steht im Mittelpunkt zusammen mit der Mutter, die es „auf Händen trägt“. Die Schwester  ist fast ganz aus dem Bild geschoben, der Betrachter „sieht darauf nur ein Bein“. Der Vater ist nur indirekt präsent als Fotograf, der sich von Mutter und Kind „ein Bild machen will“, einen bestimmten Augenblick fest halten, der Zeit entreißen möchte. Es ist ein sehr inniger Moment, der die Zärtlichkeit der Mutter ins Bild rückt und zugleich ein Erlebnis des Kindes  erinnert: „gerade als die Mutter dich/ auf Händen trägt/ und hebt zu einer Muschel, / in die du horchen darfst“. Den Verben  eignet hier neben ihrer praktischen auch eine emotionale Bedeutung, sie betonen die Intensität des Gefühls. Die Muschel  mit ihrem akustischen Reiz ist gleichsam das Ohr zur Welt, Sinnbild der Welterfahrung des Kindes. Horchend nimmt es die Ferne jenseits seines kleinen begrenzten Daseins auf. Die letzte Sequenz, die sich vom Genre lyrischer Bildbeschreibung entfernt, wendet den Blick weg von der häuslichen Idylle hin zu der Weite der Erde, die im Rauschen der Muschel klingt. Die Schlusszeilen, die „vom Moment/ einer günstigen Belichtung,/ die das Weiß betont“ künden, reflektieren das Medium Fotografie, der Schwarz/Weiß- Fotografie, die nicht bloßes Abbild ist, sondern in ihrer Auswahl, Perspektive, Belichtung zugleich Deutung, Bedeutung produziert. Das Gedicht rundet sich und verweist auf seinen Beginn zurück.

 Der Autorin ist es in ihrem Gedicht gelungen,  das Genre der Bildbeschreibung lyrisch produktiv zu machen und in der Evokation eines einzigen, besonderen Augenblicks, den ein Foto zeigt, ein Stück Kindheitsgeschichte erfahrbar zu machen.  

Keine Kommentare:

Kommentar posten