Sonntag, 30. November 2014

Die Preiträgertexte und Preisträger

postpoetry bedeutet nicht nur, dass die Preisgedichte mit der Post als Karten versandt werden können. Die lyrischen Texte sollen auch im Netz gepostet werden. Deshalb werden in den kommenden Wochen die 2014 von den Jurys ausgewählten Texte und ihre Würdigung in lockerer Folge vorgestellt. Über das Teilen der Gedichte im Netz freuen wir uns.

Streng alphabetisch beginnt die Reihe der Lyriker NRW mit Christoph Danne.

Das Gedicht „grand tour“ arbeitet im Sinne einer poetischen >Ars povera< nur mit den  Zeilenbrechungen als Mittel lyrischer Inszenierung. Der Titel >grand tour< ist nicht nur wörtlich  als ausgedehntes Wanderunternehmen zu verstehen, obwohl auch das Laufen an der „peripherie im/ graubereich“  eine Rolle spielt, sondern es gestaltet auch die Hoffnung auf eine Annäherung der beiden Individuen, die das „wir“ des Beginns ausmachen. Das Wandern vollzieht sich in einem offenen Bereich, „wo/ ausfallstraßen die himmelsrichtung/ definieren die hunde nicht mehr/ angeleint sind“. Doch die Freiheit kennt Grenzen. Die Sprache selbst erweist sich als Problem, die Kommunikation zwischen den beiden Individuen läuft nicht glatt, gerät ins Stolpern. Hier setzt der Autor eine kühne Metapher ein: „wir/ hantierten mit wörtern die/ wie ausgedünnte betonflächen/ in unseren mündern lagen“, mag der wie-Vergleich auch riskant sein, er akzentuiert die Schwere der Schwierigkeit, sich dem Du mitzuteilen. Die Sehnsucht nach einer Neuigkeit, die plötzlich hereinbricht, schlägt ein  neues Thema an, verweist auf das Ungenügen an der ereignislosen Alltäglichkeit, deutet auf den Graubereich des täglichen Einerleis hin und stellt so den Bezug zum Beginn her. Das „wir liefen auf grund“ gewinnt nun die Bedeutung des Stillstands.  Und das Vorlesen  von Kontaktanzeigen „aus einer geklauten zeitung“, das als ein sehr seltsamer Versuch der Werbung erscheinen mag, drückt in seiner Nachhaltigkeit – „bis wir druckerschwärze/ an den händen hatten“ - auf intensive Weise  das Gefühl der Einsamkeit und Sehnsucht nach Nähe, Freundschaft, Liebe des lyrischen Ichs aus. Die Lektüre signalisiert dem Du  auf moderne Weise seinen Liebeswunsch, die es durch ein „komm“ beenden möge. Der Autor hat das fragile Sujet >Liebe<, >Liebessehnsucht<, das allzu leicht in  pseudopoetischen Kitsch  abzugleiten droht, in moderner Form aufgegriffen. Er wählt eine > prosaische< lyrische Form, die jedes Pathos verhindert, und vermittelt über das heutige Medium der Kontaktanzeige, die er als Lektüre einsetzt, auf uneigentliche Weise seinen Liebeswunsch. Die Kontaktanzeige als erotische Metapher der Gegenwart!       

Christoph Danne wurde 1976 in Bonn geboren.
Er studierte Deutsche Literatur und Sprache, Neuere und angloamerikanische Geschichte in Berlin, Salamanca und Köln.
Seit 2001 regelmäßige Veröffentlichungen in Anthologien, Magazinen, Heftreihen und Literaturzeitschriften. Initiator und Veranstalter der literarischen Lesereihe gegenlichtlesen, seit 2010. Zudem organisiert er den Lyrikabend HELLOPOETRY!;
2011 Veröffentlichung des Gedichtbands finderlohn,
2014 erscheint der Gedichtband das halten der asche (lyrikreihe 030) in der parasitenpresse.
Danne wurde vom Literatur-Atelier Köln mit dem Bachmannpreis für alle ausgezeichnet.                  
  



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