Montag, 23. November 2015

postpoetry.NRW - Poesiebotschaften aus fünf Wettbewerbsjahren





Bislang erschienen die Preistexte des Lyrikwettbewerbs postpoetry.NRW auf gestalteten Postkarten, die in alle Welt gesendet werden konnten. 

Es liegt daher in der Natur der Sache, dass die verschickten Karten zum Nachlesen der Gedichte in der Regel nicht mehr zur Verfügung stehen. Mit Unterstützung des Kulturministeriums und der Kunststiftung NRW konnten nun die Texte der ersten fünf Jahre sowie weitere Gedichte in Buchform erscheinen. Die Anthologie stellt die Preisträgerinnen und Preisträger vor und ist um Textzugänge ergänzt.

Ein Buch für Lyrikinteressierte und für Vermittlerinnen und Vermittler von Literatur 
mit den Lyrikerinnen und Lyrikern:
Eva Boßmann, Christoph Danne, Dominik Dombrowski, Jürgen Flenker, Anke Glasmacher, Marius Hulpe, Bärbel Klässner, Marie T. Martin, Marcus Neuert, Jovan Nikolic, Hellmuth Opitz, Hermann-Josef Schüren, Manfred Sestendrup, Ralf Thenior, Walter Wehner, Christoph Wenzel, Liesel Willems, Gerrit Wustmann,
den Nachwuchsautorinnen und –autoren:
Henrik Achten, Jason Bartsch, Lea Beiermann, Anina Brell, Sirka Elspaß, Eva Freyschmidt, Sarah Gerwens, Apolonia Gottwald, Marvin Grabler, Lina Hacker, Gelieza Kötterheinrich, Verena Kra
Uä-pf, Anna-Kirstine Linke, Sandra Martelock, Lisa Möller, Nadine Müller, Franka Niebeling, Christiane Reinert, Anna Maria Reiter, Susanne Romanowski, Lara Theobalt, Isabel Trinh, Alexander Weinstock, Jenny Weiß, Rhea Winand, Jenny Winter
sowie den Mentorinnen und Mentoren:
Nika Bertram, Andrea Karimé, Sigrid Kruse, Jürgen Nendza, Ludwig Verbeek, Christa Wißkirchen.
http://www.editionvirgines.de/Products/107/73/postpoetry-NRW-Poesiebotschaften-aus-fuenf-Jahren.html

postpoetry.NRW - Poesiebotschaften aus fünf Wettbewerbsjahren, hrsg. von Monika Littau, Düsseldorf (Edition Virgines) 2015. 

Freitag, 13. November 2015

Nachwuchspreisträgerin postpoetry.NRW 2015

Jing Wu wurde 1995 in Tianjin (China) geboren und zog im Jahr 2000 mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie zunächst in Aachen, später in Dortmund lebte. Derzeit studiert sie in München Medizin. Bereits in ihrer Schulzeit verfasste sie Lyrik und erhielt im Dortmunder Literaturwettbewerb sowie dem Bundeswettbewerb für junge Dichterinnen und Dichter (lyrix) mehrfach Auszeichnungen. In Anthologien dieser Wettbewerbe wurden Texte von ihr veröffentlicht. Heute ist sie besonders im poetry slam aktiv.  

 Laudatio der jungen Jury
Jing Wus Gedicht „katzengold“  besitzt eine enge  Metaphorik, die sich im Besonderen mit dem Auge als Instrument der Wahrheitsfindung beschäftigt. Das Auge wird zu mehr als einem bloßen Sinnesorgan der Wahrnehmung. Es ist eng mit der Blindheit verbunden, sich im Leben nicht zurecht zu finden. Wie lerne ich die Wahrheit zu verstehen und zu akzeptieren ohne von ihr enttäuscht zu werden? Hilft es uns tatsächlich immer mit offenen Augen durchs Leben zu gehen? Jing Wus Gedicht stellt auf originelle Art und Weise die Schwierigkeiten dar, sich im Leben zwischen Wahrnehmung, Täuschung und Enttäuschung zu orientieren.

Nachwuchspreisträger postpoetry.NRW

Sascha Nikolskyy wurde 1993 in Charkiv/Ukraine geboren. Im 10. Lebensjahr siedelte er mit seiner Familie nach Deutschland über, wo er heute in Bonn lebt und Mathematik studiert. Seit seinem 18. Lebensjahr konzentriert er sich auf das Schreiben von hauptsächlich lyrischen Texten.  

















Laudatio der jungen Jury
Das lyrische Ich im Gedicht von Sascha Nikolskyy durchlebt 11 Jahre lang einen außergewöhnlichen Zustand. Dieser ist einerseits geprägt durch das „kilometerweite“ Aufreißen des Mundes, andererseits durch das Vergessen des Gesagten und schließlich durch das Schweigen. An nichts kann es sich orientieren als am „Jahresflug der Vögel“. Das Verstehen ist belastet von „Beleidigungen“, die es hört, und seine Zunge sind „Bordsteine, die Umgrenzungen“ setzen. Der Wahrnehmungszustand des Hörens („meine Ohren waren Muscheln (…) waren Kleiderbügel für den Mantel der Erde“), und des Versuchs, „richtig zu riechen“, führen zu einem allumfassenden Vergessen, zum Schweigen, ja zum Verlust der eigenen Identität („ich war keiner“).
Zwanghaft tritt ein Prozess der Retardierung ein („ich konnte nicht umhin um mich aus allen Öffnungen herauszuzögern“). Dann jedoch scheint das lyrische Ich sich einer Selbstoperation zu unterziehen, sich bewusst eine Haltung implantieren zu wollen. Waren es zu Beginn des Gedichtes die Vögel, die mit ihrem Jahresflug Orientierung gaben, so nennt sich der Protagonist des Textes am Ende selbst einen Vogel. Ob der Verfasser des Textes mit diesem Symbol Freiheit und Ungebundenheit assoziiert, oder nun selbst zu einem, bzw. seinem Orientierungspunkt geworden ist,  bleibt offen.
Sascha Nikolskyy gelingt es in einem surrealen Bildraum, den Zustand einer 11 jährigen Kommunikations- und Sprachunfähigkeit, ja tiefsten Verstörung darzustellen, der jedoch durch eine bewusste Änderung der eigenen Haltung am Ende auf eine neue Ebene gehoben und möglicherweise aufgelöst werden kann.  Er greift damit ein höchst aktuelles Thema auf und geht der Frage nach, welche Traumata die Zuwanderung in einen zunächst völlig fremden Sprachraum verursachen kann.   

Nachwuchspreisträgerin postpoetry.NRW 2015

Charlotte Dresen wurde 1995 in Hamburg geboren. Nach dem Abitur reiste sie durch Europa (mit einem längeren Aufenthalt in Madrid) sowie Argentinien und Chile.
Heute lebt sie in Köln und studiert dort an der Universität Biochemie.







Laudatio der jungen Jury
Charlotte Dresen nimmt uns in ihrem Text „Schokoküsse“ mit auf einen besonderen „Trip“ zur Universität.
Wie Alice im Wunderland bewegt sich ihr lyrisches Ich durch eine Welt, in der alles essbar zu sein scheint. „Knautschzonen“ von Autos, die von Gummibären gesteuert werden, sind aus Zuckerwatte, Fahrradreifen aus Lakritze,  Blut ist nichts weiter als Himbeermark und selbst das Papier ist Esspapier. Psychedelisch tanzt der Eismann, obwohl sein Eis dahin schmilzt.

Die Welt ist ein surrealer Süßwarenladen. Menschliche Beziehungen definieren sich über ihr Verhältnis zum  Zucker,  Gefühle werden von ihm ausgelöst oder sogar ersetzt (Schokoküsse). Zwanghaft wird „der süße Wahnsinn“ weiter mit Glukose gefüttert. Mit der Allgegenwärtigkeit des weißen „süßen Stoffs“ kritisiert die Autorin sein Suchtpotential,  das - wie wir wissen - Ursache vieler Zivilisationskrankheiten geworden ist.

Nachwuchspreisträgerin postpoetry.NRW 2015

Sarah Marie Meinert wurde 1995 in Lemgo geboren, lebt heute in Oerlinghausen und studiert in Bielefeld Anglistik, math./sprachl. Grundbildung (Grundschullehramt).  Sie 
war 2014 Preisträgerin beim Berliner Treffen junger Autoren.



Laudatio der jungen Jury

Sarah Marie Meinerts Gedicht gelingt es mit erstaunlich wenigen Worten eine dichte Gefühlswelt aufzubauen, die zwischen träumerischer Erregung und bedingungslosem Vertrauen rangiert. Der besondere Reiz des Gedichts entsteht durch die Ausklammerung aller Empfindungen und ihre Verlagerung in die Vergangenheit. Das Unsagbare wird erinnert und zugleich allerdings auch vorenthalten. Auf diese Weise bringt "Fast ein Liebesbrief" die Hürde Empfindungen  auszudrücken auf den Punkt, ohne dabei sentimental zu erscheinen. Was führt dazu sich blind auf einen anderen Menschen zu verlassen? Wie viel von uns sind wir bereit zu offenbaren? Das Gedicht gibt keine Antwort hierauf. Doch es vermittelt einen Eindruck dessen, was wir durch Zuneigung bereit sind zu geben. 

Preisträgerin postpoetry.NRW 2015

Karin Posth wurde 1945 in Marienbad/Tschechien geboren und lebt heute nach vielen räumlichen Veränderungen in Köln. Ab 2010 begann sie intensiv zu malen und Lyrik zu verfassen. 2013 erschien ihr erster Gedichtband "DER HIMMEL IST KEIN GESCHENK“. In den vergangenen Jahren wurde sie für ihre lyrischen Texte mehrfach ausgezeichnet. So war sie zweimal in der engeren Auswahl zum Feldkircher Lyrikpreis (AT). Ihr wurden Preise u. a. beim Haiku-Wettbewerb der österreichischen Haiku Gesellschaft und beim Mindener Literaturwettbewerb zugesprochen. 

Laudatio der Jury
Auf eine ganz besondere Reise schickt uns Karin Posth mit ihrem Gedicht „auf der reise zu sich“. Ihr Geliebter ist unterwegs mit seiner Frau. Nach nur 4000km denkt er an seine Liebe und wirft an sie eine Ansichtskarte in ny älesund in den nördlichsten Briefkasten der Welt. Es ist keine schöne Ansicht, die er der Daheimgebliebenen zuschickt. Eine Zahnreihe schwarzer Stümpfe kommt zwischen den Lippen von Wasser und Himmel zum Vorschein.
Und er schreibt der Geliebten die vier Worte „ich liebe dich sehr“ auf die Rückseite der Karte. An diesem Punkt verändert sich das Gedicht, die Bilder werden weicher. „Die natur ist eine raue haut, doch sie wärmt den boden der seele“ und „die wolken (…) legen ihre samtigen pfoten aufs meer“. In dieser Stille ist der Geliebte unterwegs zu sich, mit ihm sind es 17 Nationen, „im schlepptau nichts weiter als kälte du wind“. Man ahnt, er ist angekommen.
Die lakonische Art, mit der diese Liebe beschrieben wird, der Kontrast von nordskandinavischer Kargheit und Kälte zu den starken Emotionen, die thematisiert werden, machen den Reiz dieses Gedichtes aus.

Mit leichtem Frösteln lassen wir uns gern auf diese poetische Reise mitnehmen.

Preisträger postpoetry.NRW 2015

Adrian Kasnitz wurde 1974 in Queetz (Polen) geboren und wuchs in Lüdenscheid auf. Er lebt heute als Schriftsteller, Herausgeber und Verleger in Köln. Der Autor ist besonders durch seine zahlreichen Lyrikveröffentlichungen bekannt. Zuletzt erschienen "Sag Bonjour aus Prinzip" und "Kalendarium #1". Er verfasst aber auch Prosa (u. a. den Roman "Wodka und Oliven"). Seine literarische Arbeit wurde mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet. So erhielt er u. a. den Förderpreis der Gesellschaft für Westfälische Kulturarbeit (GWK) und das Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln.


Laudatio der Jury 
Für das Subjekt dieses Gedichts, das staunende Kind, das die Außenwelt hinter der Glasscheibe beobachtet, ist die Welt in unablässiger Verwandlung. Adrian Kasnitz zeigt uns ein Kind, an dem die Welt in vielerlei Gestalten vorbeizieht, unheimlich nah. Die magische Erfahrung wird zum poetischen Fundament, die Metamorphosen der Dinge und Gestalten werden von seinen „wässrigen Augen“ mit generiert. Mit den Augen, heißt es, fährt das Kind Schiff, und auch die von ihm beobachtete stoffliche Welt wird fluid. Die Phantasie des Kindes erlaubt es, in Kostüme zu schlüpfen. Und am Ende dieses poetischen Verwandlungsspiels wird die Bewegung ins Offene zurückgenommen, die Welt „schrumpft zusammen“.
Das Gedicht von Adrian Kasnitz nimmt in seiner fließenden Bewegung selbst Teil an der Metamorphose. Es schaut in die Außenwelt – und wird zugleich der Vergänglichkeit gewahr, die in Gestalt zweier unterschiedlicher Skelette bedrohlich präsent ist und alle Sicherheiten aus den Angeln hebt. Ein Gedicht, das uns in die Kindheit führt wie auch ans Ende der Zukunft, wo wir zu Staub werden und die Knochen zart im Staub liegen.