Mittwoch, 25. Januar 2017

Wolkenschweben im Papier

Zur Lesung von Sebastian Polmans und Felix Güßfeld in der Stadtbibliothek Köln-Sülz am 24. 01. 2017

Oft ist es nicht leicht, für die Lyrik ein Publikum zu finden. Bei der Lesung von Sebastian Polmans und Felix Güßfeld am Dienstag dieser Woche, mussten allerdings zur Freude aller Beteiligten Stühle nachgeholt werden.
Begleitet von ihren Fachlehrern Frau Pittaro (Schiller-Gymnasium) und Herr Steinkuhle (Hildegard-von-Bingen-Gymnasium) nahmen etwa 60 hochmotivierte Schülerinnen und Schüler an der Lesung von Sebastian Polmans (Niederkrüchten) und Felix Güßfeld (Köln) teil. Einige weitere Gäste hatten ebenfalls den Weg in die Einrichtung gefunden, so dass die obere Etage der Sülzer Bibliothek fast an die Grenzen ihrer Kapazität stieß. „Welches wunderbare Potential“, kommentierte Autor Sebastian Polmans seinen Blick auf das junge Publikum.
Dass die Schülerinnen und Schüler so gespannt bei der Sache waren, lag nicht nur daran, dass mit Felix Güßfeld ein sehr junger Autor zu Gast war und die Kölner Lyrikerin Marie T. Martin ansprechend und sensibel durch das Programm führte, vielmehr wurde das Interesse auch durch die Vorbereitung der Lehrer auf die Veranstaltung geweckt. Am Hildegard-von-Bingen-Gymnasium finden übrigens regelmäßig Poetry-Slams statt. Es ist die immer wiederkehrende Erfahrung, dass die Aufgeschlossenheit und das Interesse für Lyrik an allen Schulen, die dem eigenen, kreativen Schreiben einen Stellenwert beimessen, besonders groß ist.  
Frau Verweyen, Herr Steinkuhle

Insofern möchte ich als Initiatorin des Projektes an dieser Stelle allen Lehrerinnen und Lehrern, die angstfrei und engagiert jungen Menschen Lyrik nahe bringen, von Herzen danken.
Ein Dankeswort geht auch an den Verein Lesezeichen e.V. und seine Vorsitzende Margarethe Verweyen. Dass postpoetry.NRW nun schon zum 6. Mal Gast in Sülz war, danken wir besonders ihr und auch den Mitarbeiterinnen der Einrichtung.

Nun aber zur eigentlichen Lesung, bei der die beiden Preistexte Großraum.büro (Felix Güßfeld) und wie regen entsteht (Sebastian Polmans) fast programmatisch am Anfang standen.
Sebastian Polmans, Felix Güßfeld
Felix Güßfeld trug weitere Gedichte und Prosa vor, besonders hervorzuheben die Kurzgeschichte „Der letzte Zug“, in der in schnellen Perspektivwechseln der Weg nach Süden (u. a. einer Wildgansgruppe), aber auch gegenläufig von Süden nach Norden (u. a. von Flüchtlingen) im Mittelpunkt steht und endlich die Realität von  Umweltvernichtung, Kriegsgeschehen fast ironisch in Ignoranz gebrochen wird. Er, so Felix Güßfeld, stelle gern, wie in seinem Preisgedicht, Probleme in den Mittelpunkt seiner Texte, greife auch auf Ekliges und Hässliches zurück, um aufmerksam zu machen, wie etwa mit dem Bild der Spinne in seinem Gedicht Großraum.büro.
Ganz anders zeichnete Sebastian Polmans, der nicht nur las, sondern auch zur Gitarrenbegleitung sang, sein Schreibanliegen. - Der vielfach ausgezeichnete Autor  ist den Kölnern seit der Vergabe des Rolf Dieter Brinkmann-Stipendiums 2015 sicher ein Begriff. - Für ihn ist die Verbundenheit mit der Natur eine essentielle Grundlage, aber nicht nur sie, sondern die Verbundenheit von scheinbar Disparatem überhaupt. „Auch meine Großmütter sind ein Gedicht!“, meinte er lächelnd. Ihm gehe es um das Aufspüren der Liebe, sagte er sinngemäß. Insofern ist es konsequent, dass er sein Schreiben und Musizieren (früher Rap-Band Summsemann, heute Leo & The Lilytree) und auch Malen als universelle Heilkunst zu fassen sucht.
Trotz unterschiedlicher Ansätze gab es viele Verbindungen zwischen den Autoren. Dass ein Poet die in einem Stück Papier schwebende Wolke klar erkennt, darüber konnte man sich schnell verständigen. Denn ohne Wolke kein Wasser, ohne Wasser keine Bäume und ohne Bäume kein Papier und ohne Papier keine Gedichte zum Nachlesen, so dass man sie „inwendig auswendig“ lernen könnte.
Immer wieder bin ich überrascht, wie unplanbar vielgestaltig und wunderbar sich die Lesungen von postpoetry.NRW entwickeln.


Monika Littau 

Montag, 9. Januar 2017

Lesung 24.01.2017 in Köln-Sülz

Postpoetry.NRW Wettbewerb schickt Lyriker und Nachwuchsautoren aus Nordrhein-Westfalen auf Lesereise


Sebastian Polmans und Felix Güßfeld, Preisträger des Landeswettbewerbs postpoetry.NRW, sind am 24. Januar zu Gast in der Stadtteilbibliothek Köln-Sülz.

Zum siebten Mal schrieb die Gesellschaft für Literatur in NRW e. V. mit Unterstützung des Kulturministeriums (MFKJKS) und der Kunststiftung NRW den Wettbewerb postpoetry.NRW aus.

Fünf Lyriker und fünf Nachwuchsautoren aus Nordrhein-Westfalen wurden im November 2016 mit Preisen ausgezeichnet. Nun gehen die Autorinnen und Autoren Anfang 2017 in Tandems (Lyriker und Nachwuchsautor) auf Lesereise durch NRW. Neben ihren Texten bringen sie die obligatorischen postpoetry-Lyrikpostkarten mit, die dem Projekt den Namen geben. Am 24. Januar machen Sebastian Polmans und Felix Güßfeld Station in der Stadtteilbibliothek Köln-Sülz.  


Sebastian Polmans, (geb. 1982 in Mönchengladbach / Neuwerk) absolvierte geistes- und musikwissenschaftliche Studien an Universitäten in Siegen, Hildesheim und Rom. Er arbeitet als freier Schriftsteller, Musiker und Illustrator. Er war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste und schreibt für Zeitungen und Magazine. 2011 erschien sein erster Roman Junge im Suhrkamp-Verlag, 2015 der Gedichtband Unser Tatoo im Radius-Verlag. Er erhielt zahlreiche Preise und Stipiendien und lebt in Niederkrüchen.


Sein Lesungspartner Felix Güßfeld wurde 1993 in Osterburg geboren und lebt jetzt in Köln, wo er Deutsche Sprache und Literatur und Medienkulturwissenschaft studiert. 2011 erhielt er eine Drehbuchförderung von der Film- und Medienstiftung NRW. Das Drehbuch arbeitet mit Motiven aus seinem noch uneröffentlichten Roman Herzfalten. 2016 war er bereits einmal in der Stadtteilbibiothek Köln-Sülz zu Gast, wo er in einer Lesung im Rahmen der Autorenwerkstatt zwei Kurzerzählungen vortrug.

Moderiert wird die Lesung von der Kölner Autorin Marie T. Martin.  

24. Januar 2017, 10 Uhr, Stadtteilbibliothek Köln-Sülz, Wichterrichstraße 1, 50937 Köln

postpoetry.NRW ist ein Projekt der Gesellschaft für Literatur in NRW e.V. in Kooperation mit dem Verband deutscher Schriftsteller NRW. Es wird unterstützt vom Kulturministerium (MFKJKS) und der Kunststiftung NRW.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Stadtteilbibliothek Köln-Sülz  und Lesezeichen e.V. statt. 

Montag, 21. November 2016

postpoetry.NRW zeichnete zum siebten Mal Gedichte von NRW-Lyrikern und -Nachwuchsautoren aus

Von Caroline Dohmen

Zehn farbig gestaltete Postkarten, bedruckt mit Gedichten, die dazu einladen, sie in die Welt hinauszuschicken: Ein ganz traditioneller Kommunikationsweg, durch den Lyrik eine größere Leserschaft finden soll. Bei den Gästen der siebten postpoetry.NRW Preisverleihung schien die Idee anzukommen. Sie verließen die Veranstaltung nicht selten mit einem bunten Kartenstapel.

Am 12. November 2016 zeichnete die Gesellschaft für Literatur in Kooperation mit dem Verband deutscher Schriftsteller je fünf Lyriker und Nachwuchsautoren als Gewinner des Lyrik-Wettbewerbs im Rahmen einer öffentlichen Verleihung in der Stadtbibliothek Essen aus. Das Projekt postpoetry, finanziell unterstützt vom Land Nordrhein-Westfalen und der Kunststiftung NRW, gibt sowohl bereits etablierten Lyrikerinnen und Lyrikern sowie auch jungen Autorinnen und Autoren, ein Forum zur Verbreitung ihrer Gedichte und zum Austausch über ihre künstlerische Arbeit. Es leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Lebendigkeit der Lyrikszene, fördert die Autoren gezielt und lädt gerade junge Menschen ein, sich mit Lyrik zu beschäftigen.
Dieser Einladung sind im Rahmen der Preisverleihung und Lesung viele Menschen gefolgt.

Samstag, 19. November 2016

Preistexte Nachwuchs - Meike Wanner



















Laudatio zu Meike Wanners Gedicht „Im Treibhaus“
Im Spiel mit der Redewendung „im Glashaus mit Steinen um sich werfen“ zeichnet Meike Wanner ein etwas anderes Familienportrait: stellt das Treibhaus die Familie zunächst im wahrsten Sinne als eine Art Mikrokosmos oder Schutzraum dar, in dem ein Kind aufwachsen und gedeihen soll, wird schnell deutlich, dass dieses Gewächshaus anders ist. Das Treibhaus besteht nämlich aus „väterlichem Panzerglas“, stabil genug, um die Familie zusammenzuhalten und einen Ausbruch daraus zu verhindern, ironischerweise kann es aber keinen (Wut-)Ausbruch innerhalb der vier Wände aufhalten. ...

Preistexte Nachwuchs: Thang Toan Nguyen - Publikumspreis 2016


















Laudatio zu „Kreuzworträtsel“ von Thang Toan Nguyen
Thang Toan Nguyen führt uns mit seinem Text in eine Situation, in der das Ich des Gedichts sowohl mental als auch kognitiv unentschlossen, ja widersprüchlich gestimmt wirkt, auf jeden Fall nicht ganz bei der Sache ist, die es vorgibt zu tun, nämlich ein Kreuzworträtsel zu lösen. „Stehend pendelt der Stift“.
Das Ich nimmt die vorgestanzten Buchstabenkästchen nicht richtig wahr, scheint dies auch gar nicht zu wollen, denn für „Muster“ und „Wissenprediger“ fehlt ihm das Interesse.
Stattdessen unterläuft der Schreibende die Vorgaben und lässt seiner Kreativität freien Lauf, ignoriert Frakturen und notiert stattdessen Neologismen.

Preistexte Nachwuchs NRW: Tamara Malcher


















Laudatio zu „kletterbäume auf den zungen“ von Tamara Malcher
In „kletterbäume auf den zungen“ fängt Tamara Malcher den Augenblick ein, in dem eine neue, fast schon aufgegebene Beziehung beginnt. Obwohl man kaum etwas über das Paar weiß, entwirft die Autorin mit bloßen Andeutungen ganze eine Szene, die sich wie von allein im Kopf des Lesers vervollständigt. Es ist die Rede von einer fünften Zigarette, es scheint also schon ein längeres Gespräch vor dem Haus zu sein, das die beiden führen. Und dennoch wird das lyrische Ich weder hineingebeten noch weggeschickt, sodass es die Hoffnung auf eine Beziehung schon zu Beginn des Gedichtes mit dem Zaunpfahl begräbt. Mit einer Leichtigkeit nimmt Tamara Malcher Sprachbilder aus der Garten-/Naturwelt und setzt sie ein in einen neuen und ganz eigenen Kontext, der hier auch von einer augenzwinkernden Melancholie geprägt ist: „in zeiten des bienensterbens ist es schwer//ein selbstportrait mit bienenschwarm zu malen“ heißt es da zum Beispiel. Mag man ...

Preistexte Nachwuchs NRW: Marie Illner

Laudatio zu Marie Illners Gedicht „Oder?“
Marie Illners Gedicht „Oder“ spricht den Leser auf Anhieb durch seine Aktualität an und lenkt behutsam den Blick auf humanitäre Katastrophen der Gegenwart.
Die ersten drei der insgesamt vier knappen Strophen vermitteln durch ihren einfachen und parallelen Aufbau den Eindruck großer Monotonie. Phänomene wie „Lärm“, „Regen“ und „Feuer“ werden im Hinblick auf ihre Wahrnehmung durch Menschen, die sich mit geschlossenen Augen in unmittelbarer Nähe befinden, thematisiert. So heißt es etwa lakonisch:
„Neben Lärm
Ist es laut
Auch mit geschlossenen Augen“
Die zunächst trivial wirkenden Feststellungen zu Sinneswahrnehmungen von Feuer, Lärm und Regen, werden jedoch in der vierten und letzten Strophe in ein neues Feld geführt. Gegenstand sind hier „Zäune“ und die Frage, was hinter Zäunen geschieht. Hier wird ein latentes Wissen abgerufen, dass „Auch mit geschlossenen Augen“ im Bewusstsein abgerufen werden kann.
Der hierbei evozierte mögliche Zusammenhang zwischen „Zäunen“ und „Leid“ kann vom Menschen als einem fühlenden Wesen, das auch Naturereignisse wie „Feuer“ durch bloße Wärme erahnen kann, nicht geleugnet werden. Er muss das Leid nicht erst sehen,...
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