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Samstag, 19. November 2016

Preistexte 2016 in der Kategorie Lyrikerinnen und Lyriker NRW: Jan Skudlarek

Laudatio zu Jan Skudlareks Gedicht „Im Rausch gegebene“

Das Gedicht „Im Rausch gegebene“ von Jan Skudlarek tritt uns in einem gewitzten und angenehm akademischen Habitus entgegen. „Das Narrativ“, „Aristoteleszitate“, „Panamapapiere“ zumindest scheinen „Fachwissen“ vorauszusetzen und dem Rezipienten die Bereitschaft abzuverlangen, sich auf Schilderungen einer partnerschaftlichen Beziehung im Modus ihrer intellektuellen Kontextualität einzulassen. Denn, so will es das Gedicht uns weismachen, es handelt sich um eine „Bettgeschichte“. Sie wird klassisch auf zwei Ebenen geschildert, Inhalt und Subtext: das „Narrativ“, bei dem sogar Wortspiele, wie die Verwandlung der Metaebene in ein Adjektiv Raum haben. Zur erwartbaren Ausstattung einer „Bettgeschichte“ gehören „Versprechen“, „Münder“, „Küsse“ und „Fingermuskeln“. Der Dreh zum größeren Thema
Kommunikation und dahin, dass „Münder“ nicht nur küssen und „Versprechen“ nicht nur Treue verheißen, sondern – in Variation eines García Márquez-Titels – „in den Zeiten der Panamapapiere“ möglicherweise Unwahres beteuern, dass „Fingermuskeln“ nicht nur streicheln, sondern auch tödliche Knöpfe bedienen können, eröffnet Düsteres. So kann in diesem kurzen Gedicht, dessen Lektüre nicht enden will, sogar das erschreckende Bild einer „Drohne, die ein Bodenziel zerstört“ auf beiden Ebenen stattfinden. Jedoch, angesichts des Erkenntnisgewinns durch das sorgfältige Lesen dieses Gedichts, das viel besser selbst in der Lage ist, die Sachverhalte in ihrer vertrackten Komplexität darzustellen, wird jede Interpretation überflüssig, wie „Bauchfett, das einen Gürtel transzendiert“.


Mathias Jeschke

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